Gewissenskampf
HEADS OF STATE und IM SCHUTZE DER BURG von eggertspiele
Erstaunlicherweise produziert die Firma eggertspiele immer zwei Neuheiten
pro Halbjahr, so auch letztes Jahr für die Essener Spieletage. Da diese
Spiele von unterschiedlicherer Qualität nicht sein könnten, kam mir so der
Gedanke, dass Herr Eggert da wahrscheinlich einen kleinen Gewissenskampf
austragen musste. Wir stellen uns das allzu bekannte Bild von einem
Engelchen und Teufelchen, schwebend über einem Kopf, die in einem Streit
vertieft sind, vor.
„Na! Wollen wir uns mal an ein neues Spiel wagen. Hier gibt es doch etwas
richtig Tolles. Karten aus einer Auslage nehmen, diese so arrangieren,
dass man Adlige ausspielen kann und dafür Punkte kassieren. So eine Idee
gab es lange nicht mehr.“
„Nein, nein, das kannst du doch nicht machen. Du hast doch schon ein
schönes Spiel, Thema Burgenbau. Vor dir steht eine unfertige Burg, die
möchtest du vollenden und damit Punkte kassieren.“
„Igitt, bleib mir doch mit diesen ollen Kamellen weg. Rohstoffe sammeln
und bauen, Personenkarten benutzen, das ist doch nichts Neues. Aber hier
kann man so richtig seinen inneren Schweinehund ausleben, und die Adligen
durch Einsatz von Verratskarten wieder abmurksen oder entfernen, wie es
hier so schön verharmlosend steht.“
„Aber schau dir doch mal diese hässlichen Gestalten auf den Plättchen und
Karten an. Und der größte Witz ist ja wohl, dass wir auf einer Europakarte
der heutigen Zeit spielen, wo wir doch zeitlich eher im 17. + 18.
Jahrhundert spielen. Dagegen dieser schön gezeichnete Spielplan und die
Karten erst, eine Augenweide.“
„Aber du streitest auch nicht ab, dass wir hier wieder alten Wein in neuen
Schläuchen haben, oder?“
„Der Wein schmeckt ja dadurch nicht schlechter. Sicher, wir haben
Jobkarten, die wir gleichzeitig und geheim ausspielen. Diese sorgen für
eine Spielreihenfolge und eine Funktion, die ich nutzen kann.“
„Langweilig!“ „Aber diese Funktionen sind auch interessant verzahnt.
Wenn ich den Steinmetz spiele und jemand anderes einen Arbeiter spielt,
kann ich diesen einen seiner gewünschten Rohstoffe abkaufen und derjenige
kann sich nicht mal wehren.“ „Wie gemein!“ „Oder ich möchte den Baumeister
nutzen, damit ich meine Karten wieder auf die Hand nehmen kann, dann
bekomme ich eventuell noch 5 Siegpunkte für jedes gebaute Burgteil in
dieser Runde.“ „Wenn ich pokern möchte, mache ich das auch. Dazu brauche
ich kein aufgemotztes Burgspiel. Wogegen bei HEADS OF STATE ja die reine
Taktik ausschlaggebend ist. Ich nehme entweder 3 Karten oder tausche die
Auslage aus und nehme 1 Karte.
Habe ich alle Karten für einen Adligen auf der Hand, die Anzahl der Karten
ist vom Rang abhängig, kann ich diesen auf einem entsprechend markiertem
Feld auf dem Spielplan ablegen.“
„Und die Karten kommen aus dem taktisch gemischten Stapel? Die
Schlusskarte wird doch auch eingemischt, oder? Man weiß zwar ungefähr,
wann sie auftauchen wird, aber eben nicht genau und dann ist plötzlich
Schluss. Ich weiß genau, wann das Spiel zu Ende geht, da wir eine
bestimmte Anzahl an Runden spielen, ätsch! Wie bekommst du denn
Siegpunkte?“
„Also, da gibt es ja so viele Möglichkeiten. Der erste Adlige in einem
Gebiet, meine Adlige in jedem Gebiet, als Erster sieben verschiedene
Adlige ins Spiel bringen und am Ende des Jahrhunderts die Mehrheit der
Einflusspunkte in den 4 Ländern besitzen, dies führt zu den Siegpunkten.“
„Na, das ist ja bei mir etwas raffinierter. Durch das Bauen der
verschiedenen Burgteile werden Felder freigelegt, die jeder durch Zahlung
eines Obolus besetzen kann. Dies regelt die Siegpunktvergabe. Ich kann auf
viele Rohstoffe, unbesetzte Felder, ungebaute Burgteile, gebaute Türme
oder Häuser und vieles mehr spekulieren. Man sollte sich aber ranhalten,
denn das Spiel ist nach 60-90 Minuten beendet und funktioniert auch gut zu
zweit.“
„Na und? Länger braucht HEADS OF STATE auch nicht. Ich sage nur
ungewöhnliches Design zählt mehr als alles Andere.“
„Du meinst wohl ungewöhnlich hässlich und vollkommen glücksabhängiges
Design. Wenn der andere Spieler ständig das Glück hat, die richtigen
Karten zu ziehen und einen König oder Prinzen nach dem anderen ins Spiel
bringt, dazu noch die Hauptstädte besetzt, aus der er kaum zu vertreiben
ist, die Attentate auch nur funktionieren, wenn man die richtigen
Verratskarten zieht.“
„Dafür ist IM SCHUTZE DER BURG nichts Neues, Rohstoffe sammeln, bauen,
Siegpunkte kassieren. Kennen wir alles schon!“
„Aber es macht Spaß! Das Spekulieren auf die anderen Mitspieler, die
vielen Möglichkeiten und das alles unter 90 Minuten. “
„Au fein, er produziert doch wieder beide.“ „Aber warum denn, IM SCHUTZE
DER BURG hätte doch vollkommen gereicht.“
„Nein, HEADS OF STATE wäre vollkommen ausreichend.“ „Gar nicht!“ „Doch.“
Gut, an dieser Stelle lass ich die beiden Streithähne mal allein. Wenn es
nach mir ginge, dann hätte ich auch nur IM SCHUTZE DER BURG
herausgebracht. Bei HEADS OF STATE tauchte bisher überhaupt kein
Wiederspielreiz auf. Dagegen konnte IM SCHUTZE DER BURG angenehm
überraschen, da es Altbekanntes doch interessant neu vermischte. |