Interview mit
Joachim Goemann
verfasst von Sina Theodoridou
Schon als Kind
spielte der bekannte Spielekritiker Joachim Goemann viel mit seinen
Verwandten und seinen drei Geschwistern. Vor allem seine Mutter und sein
Großvater waren Spielefans und beschäftigten sich eingehend mit den
Kindern. So entdeckte er schon sehr früh zusammen mit seinem Bruder die
modernen Brettspiele. Als Student fing er dann an, mit Freunden erste
Spieletreffen zu organisieren und Ideen für neue Spiele zu besprechen
und auszutauschen.
Zum
aktuellen Stand der Gesellschaftsspiele bemerkt Goemann: „Es gibt sehr
viele Nachfragen aus Übersee nach Spielen deutscher Spielverlage”, so
Goemann. „Vor allem Amerika, Asien und Frankreich zeigen großes
Interesse, denn deutsche Brettspiele sind sehr gefragt. Asiatische Verläge
diskutieren bereits über eigene Brettspielideen und deren Entwicklung.
Erstaunlich, dass gerade in Japan, das im elektronischen Spielbereich
weit voraus ist, das Interesse an
Brett- und Kartenspielen enorm
gewachsen ist. Es gibt spezielle Cafés, welche die Leute besuchen, nur
um diese Spiele zu spielen. Davon soll es mittlerweile über 100 in
vielen japanischen Städten geben. Das ist ein völlig neuer Trend!”
Ein
Trend, der boomt? Goemann: „Tatsächlich wurde in den letzten zwei
Jahrzehnten immer wieder behauptet, dass die Zeit des Brettspieles bald
vorbei sein, oder der Trend zumindest stark zurück gehen würde, aber
momentan explodiert der Markt regelrecht. Selbst die Anfrage nach
Ausstellungen von Brettspielen ist gestiegen. Es ist, meiner Meinung
nach, eine unglaubliche, hochinteressante Entwicklung, die wir im Moment
erleben.“
Auch
Joachim Goemann trug zu diesem Boom bei. Während seines Studiums kam
ihm die Idee, sein Hobby zum Beruf zu machen, und zusammen mit seinen
Kollegen griffen sie die Idee der „Spieleläden“ auf und
verfeinerten sie. „Die Arbeit in den Läden ist sehr interessant. Wir
bieten Spiele jeder Spielrichtung und jeden Alters an und achten genau
darauf, welche Spiele für welche Zielgruppe
geeignet sind und ob das Spiel in unser Angebot integrierbar ist.
Deshalb testen wir die Spiele natürlich selbst. Das ist für uns
besonders wichtig, denn die Spielatmosphäre spielt eine große Rolle.
So können wir uns in den Spieler hineinversetzen, besser auf seine Bedürfnisse
eingehen und somit auch perfekt beraten.”
Es
war damals noch ein freier Markt, deshalb stand der Verwirklichung
nichts im Wege. Anfangs gab es finanzielle Schwierigkeiten: „Ich war
nie ein besonders guter Kaufmann. Andere haben sich viel und häufig auf
meine Kosten bereichert.”, so Goemann.
Heute
wird es anders organisiert. Er ist geschäftsführend in der in Münster
ansässigen Spielkultur tätig. Aber er ist auch beteiligt an der
Deutschen Spiele AG, dessen Zentrallager und Geschäftsstelle in der Nähe
von Bremen liegen. Goemann: „Hier werden die Interessen kleinerer bis
mittelständiger Unternehmen gewahrt. Der Einkauf läuft zentral. Das
bedeutet günstige Einkaufsmöglichkeiten. Damit ist auch in heutigen
Zeiten die Wettbewerbsfähigkeit gewahrt. Auch die gesamte Logistik wie
z.B. die Lagerhaltung gestaltet sich viel einfacher. Zudem arbeiten wir
in der Deutschen Spiele AG an zukunftsorientierten Konzepten.“
Aber
von welchen Leuten werden die Spieleläden besucht, von eher jüngeren,
oder älteren Menschen? ‚‚Das kann man nicht so genau sagen.“,
sagt Joachim Goemann dazu. „Von Kindern und Studenten, bis hin zu
Menschen im Rentenalter dehnt sich unsere Zielgruppe. Kinder und
Jugendliche zeigen jedoch nicht so viel Interesse am normalen
Brettspiel, sondern eher an komplexeren Spielideen. Es gibt auch einen
interessanten, aktuellen Trend: Nicht nur Brett- und Kartenspiele werden
auf den PC übertragen, sondern auch, genau umgekehrt, PC-Spiele auf
Brettspiele. Dabei wird die komplexe Struktur ein wenig abgemildert und
das Spielsystem vereinfacht, wie z.B. beim Fantasyspiel ,Warcraft’,
das zu einem Brettspiel umgewandelt wurde. Mir ist aufgefallen, dass außerdem
eine Mischung von PC-, Brett- und Kartenspielen im Begriff ist zu
entstehen, was sehr positiv ist, denn dadurch entsteht eine gegenseitige
kreative Befruchtung und die früher starren Grenzen zwischen E-Spiel
und Brettspiel verlieren ihre starke Abgrenzung untereinander und zu
anderen Spielformen. Das kann sich nur positiv auf den kulturellen und
wirtschaftlichen Erfolg auswirken. Phantasiespiele liegen zudem voll im
Trend! Kinder und Jugendliche mögen Spektakuläres, z.B. Zauberei,
Monster, Zauberer und Helden. Sie können so aus der Erwachsenenwelt in
eine eigene Welt entfliehen und sich ein wenig von den Erwachsenen
absetzen. Manche Eltern finden das selbst toll, andere sehen das aber
auch durchaus kritisch, da sie Verständnisschwierigkeiten in Bezug auf
diese neuen Spielformen aufweisen.“
Die
Langlebigkeit der Spiele stellt generell ein großes Problem dar, denn
einige Verlage achten nicht auf die Qualität von Spielen, sondern nur
darauf, wie oft und wie häufig sich ein Spiel verkauft. Wenn die Käufer
dann Spiele zu Hause auspacken, die über mindere Spielqualität verfügen,
macht sich dann natürlich manchesmal Enttäuschung und Frust breit.
Ohne kompetente Spielberatung wird oft nur nach Graphik und
Erscheinungsbild des Spiels gekauft. Mit anderen Worten: es zählt
schlicht und ergreifend lediglich der wirtschaftliche Erfolg. Diese
Notwendigkeit besteht selbstverständlich. Aber der alleinige Blick auf
diesen Punkt kann auf Dauer nicht ausreichend sein, um sich auf dem
Markt zu behaupten. Andere Verlage möchten sich auch in ihrer Arbeit
weiterentwickeln und achten darauf, dass ihre Spiele den Ansprüchen von
Qualität genügen. Die Langlebigkeit der Spiele hängt also von den
Entscheidungsträgern der Verlage ab. Die Kritiker selbst haben darauf
leider keinen so großen Einfluss, wie sie ihn gerne hätten. Wenn auch
insbesondere im deutschen Sprachraum die Einflussmöglichkeiten der
Spielekritiker nicht unterschätzt werden dürfen.
Das
Leben und die Arbeit als Kritiker beschreibt Joachim Goemann so: „Man
muss sich sicherlich einarbeiten in die Materie. Man muss lernen, sich
unabhängig von äußeren Faktoren wie persönlichen Kontakten und
Werbeirritationen eine persönliche Meinung zu bilden. Im Fokus steht
der Endverbraucher für den Kritiker. Für ihn muss er seine Meinung zu
Papier bringen, mit der Verbraucher umgehen können und die ihnen
wichtige Informationen an die Hand geben. Das Spiel muss atmosphärisch
und charakterlich in kurzen Worten beschrieben werden, damit der Leser
das Spielerische auch nachvollziehen kann. Aber das kann mit zunehmender
Erfahrung erlernt werden. Bei Kinderspielen muss man stark
altersspezifisch denken. Auch wenn Kinder dasselbe Alter haben, sind sie
doch in ihrer Entwicklung sehr verschieden, so dass es nicht immer
einfach ist, das passende Spiel zu finden. Außerdem muss man zwischen
Lernspielen und normalen Spielen unterscheiden. So groß ist der
Unterschied jedoch nicht, denn jedes Spiel bietet den Kindern letztlich
verschiedene Lehrinhalte.
Und
was spielen Sie am liebsten? “Ich spiele eigentlich alles. Brett- und
Kartenspiele, Rollenspiele, Computerspiele. Fantasy- und Rollenspiele
finde ich interessant als Spielform. Nur mit Ideen im Kopf zu spielen, völlig
frei zu spielen, das finde ich faszinierend! Aber da, das muss ich
gestehen, fehlt mir einfach die Zeit.”
Ein
Schlusswort zum Ende: „Das Medium ist nicht wichtig! Entscheidend ist
die Qualität der Spiele!“
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